Kulturhanse-Expeditionen #3: Vielfalt dritter Orte

In unserer Serie Kulturhanse-Expeditionen stellen wir euch ausgewählte Auszüge aus unserer Publikation vor. Dies sind spannende Themen, Analysen, Ideen und Erkenntnisse auf unserem Weg. Coworking Space, Kulturhanse-Labor, dritter Ort – dies sind nur einige der Begriffe, mit denen wir hantieren. “Wat?” – mögen sich da einige Leser*innen fragen. Der dritte Teil unserer Serie ist eine kleine Navigationshilfe durch das Meer von Begriffen. 

von Juliane Döschner

Ein kleiner Kompass zur Navigation im Buchstabenmeer

Beginnen wir mit der Beschreibung von dritten Orten. Dabei handelt es sich um ein Konzept des Stadtsoziologen Ray Oldenburg (1999). Er grenzt sie von ersten Orten – dem privaten Zuhause – und zweiten Orten – dem Arbeitsplatz – ab. Sie sind öffentlich zugängliche Orte der Begegnung und Kommunikation. Das können Cafés, Stadtteilbibliotheken, Frisiersalons oder Bouleplätze sein. Ihre Nutzungsmöglichkeiten sind also offen. Dritte Orte liegen auf den täglichen Wegen der Menschen und geben ihnen die Möglichkeit, in ihrem Lebensumfeld mit Gleichgesinnten oder Nach- bar*innen zusammenzukommen, sich auszutauschen, zu verweilen und zu entspannen (vgl. Drews, 2018). Sie machen Gemeinden lebenswert und bieten Raum, in denen „sozialer Kitt“ produziert werden kann.

Auch zivilgesellschaftliche Akteur*innen und Initiativen schaffen dritte Orte. Das sind zum Beispiel soziokulturelle Häuser, Skateparks oder Stadtteilzentren; ihre Ausprägungen sind mannigfaltig. Mit der Entwicklung, dem Aufbau und Betrieb solcher Räume trägt die Zivilgesellschaft aktiv zur Koproduktion von Stadt bei (vgl. dazu den Beitrag von Stephan Willinger » Gemeinwohl in der Stadtentwicklung, S. 42ff.). In Abgrenzung zu dritten Orten wie Cafés oder Biergärten sind Mitmach- und Gestaltungsmöglichkeiten sowie die Abwesenheit von Konsumzwang häufig explizite Merkmale. Damit ermöglichen sie „das Zusammenkommen von Menschen unterschiedlichen Alters und sozialer Milieus – unabhängig von gesellschaftlichen Rollen oder Status“ und können „somit für eine demokratische Gesellschaft eine bedeutende Rolle“ spielen (BBSR, 2020b, S. 51).

Eine Kulturhanse, damit mehr Menschen im ländlichen Osten gut leben können.

Mit unserer Projektpublikation, den Kulturhanse-Expeditionen reisen wir auf 182 Seiten noch einmal durch die ersten fünf Jahre der Kulturhanse. Fünf Jahre, in denen wir versuchten, gemeinwohlorientierte Gründungslabore und Ökosysteme jenseits großer Städte in Ostdeutschland zu initiieren. Fünf Jahre, in denen wir die Macher*innen vor Ort ermutigten, stärkten, lokal und regional mit Wirtschaft und Zivilgesellschaft vernetzten.

Wir verstehen auch Gründungslabore, Coworking Spaces und Kulturhanse-Labore als dritte Orte. Hier folgt ein kleiner Kompass zur Navigation durch die Begriffe: Ein Gründungslabor ist ein Ort, an dem Menschen mit Gründungsideen Unterstützung dabei erhalten, ihre Ideen zu schärfen, zu testen und als Angebote auf den Markt zu bringen. In einem Gründungslabor finden sie typischerweise einen Arbeitsplatz, Arbeitsmittel (je nach Ausrichtung vom digitalen Konferenzraum bis zur CNC-Fräse), Knowhow (zum Beispiel Workshops zu Gründungsthemen), Begleitung (zum Beispiel individuelles Coaching) und Gemeinschaft. In manchen Laboren werden einzelne, in anderen alle Phasen der Gründung gefördert. Die Labore, ihre Zielgruppen und deren Gründungsideen können verschieden sein – von High Tech Startup Hubs über Gründungsservices an Hochschulen zu sozialunternehmerischen Laboren sind die konkreten Ausgestaltungen dabei vielfältig.

Die Aktivitäten eines sozialunternehmerischen Gründungslabors sind darauf ausgerichtet, eine positive Wirkung für die Gesellschaft vor Ort und/oder darüber hinaus zu erzielen. Die Betreiber*innen handeln sozial- unternehmerisch, indem sie ihre Aktivitäten an der gesellschaftlichen Wirkung ausrichten und dafür nachhaltige Geschäftsmodelle entwickeln. Im Labor werden hauptsächlich Gründer*innen und Ideen unterstützt, die nicht vornehmlich profitorientiert sind, sondern einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen (vgl. dazu den Beitrag von Mandy Stobbe » Mit Social Entrepreneurship Perspektiven vor Ort schaffen, S. 22ff.).

Ein Gründungslabor kann Coworking anbieten, in einem Coworking Space kann es Unterstützung für Gründer*innen geben – die beiden Konzepte sind nicht identisch, haben aber große Schnittmengen in Definition und Funktion. In der Realität kann beides unter einem Deck existieren. Was Coworking Spaces ausmacht, erklärt Alexandra Bernhardt im nachfolgenden Beitrag » Coworking Spaces als mögliche Katalysatoren für die lokale Entwicklung, S. 36ff.

Eigene Abbildung aus den Kulturhanse-Expeditionen
Eigene Abbildung aus den Kulturhanse-Expeditionen

Obwohl in Coworking Spaces Erwerbsarbeit stattfindet und in Gründungslaboren darauf hingearbeitet wird, sind sie keine reinen Arbeits- und damit zweite Orte. Zu ihren zentralen Merkmalen gehören Gemeinschaft und Offenheit. Hier arbeiten wechselnde Nutzer*innen an verschiedenen Projekten. Sie treten in Austausch, können voneinander lernen und es können Synergien entstehen. Häufig gibt es auch Angebote abseits vom Arbeiten, wie gemeinsames Kochen, Bildungs- oder Kulturveranstaltungen. Damit erfüllen sie Funktionen dritter Orte.

Das zeigt auch: Die Einteilung von Ray Oldenburg ist idealtypisch und entstand in einem spezifischen zeitlichen und räumlichen Kontext (Vorstädte der USA im ausgehenden 20. Jahrhundert). In der Realität sehen wir heute die Entwicklung, dass Menschen auch von Zuhause oder Cafés aus ihrer Erwerbsarbeit nachgehen, was die Abgrenzung zwischen den Orten nicht immer trennscharf ermöglicht.

Kommen wir abschließend zu den Kulturhanse- Laboren. Das sind sozialunternehmerische Gründungslabore (und damit auch dritte Orte). Ihre Betreiber*in- nen handeln selbst sozialunternehmerisch und die Vermittlung und Stärkung sozialunternehmerischen Denkens und Handelns ist ein wichtiger Bestandteil ihres Unterstützungsangebots vor Ort » Labore mit der Kulturhanse bauen, S. 88ff. Auch Coworking kann zu ihren Angeboten gehören. Im Kulturhanse-Projekt starteten wir unsere Reise mit dem Ziel, Initiativen insbesondere im ländlichen Raum für sozialunternehmerische Gründungslabore zu inspirieren und sie bei deren Aufbau zu unterstützen. In ihrer konkreten lokalen Ausgestaltung müssen die Kulturhanse-Labore jedoch keine „reinen“ Gründungslabore sein, sondern können auch auf anderen Wegen in ihr Umfeld wirken,

zum Beispiel als soziokulturelle Zentren, Anlaufstellen für Ehrenamt, Labore für Stadtentwicklung und mehr. Manchmal wird aus Indien eben Amerika – das kann den bekanntesten Seefahrer*innen passieren! Die Förderung und Unterstützung der Nutzer*innen richtet sich nicht immer ausschließlich auf Gründung, aber die Labore eint das Angebot und die Kultur, dort Ideen zu entwickeln und auf dieser Basis Projekte zu verwirklichen oder Organisationen zu gründen. Um mit einem Zitat eines berühmten Piraten der Popkultur zu schließen: „Klar soweit?“

Literaturverzeichnis

BBSR (Hrsg.) (2020b). Dritte Orte. In dies., Glossar der gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung. Bonn: Selbstverlag.#

Drews, K. (2018). Ländlicher Kulturtourismus – „Dritte Orte“ für (raum) produktive Transformation und partizipative Begegnung. In Kulturelle Bildung Online. Abgerufen von https://www.kubi-online.de/artikel/laendlicher-kulturtourismus-dritte-orte-raumproduktive-transformation-partizipative [12.02.2023]. doi: https://doi.org/10.25529/92552.17.

Oldenburg, R. (1999). The Great Good Place: Cafés, Coffee Shops, Bookstores, Bars, Hair Salons, and other Hangouts at the Heart of a Community. New York: Marlowe.

 

Andocken

Gern organisieren wir solche Formate bei dir vor Ort. Sprecht uns gern an, wenn wir Euch bei der nachhaltigen Entwicklung eures gemeinwohlorientierten Ortes unterstützen sollen. Meldet euch unter: rike@kulturhanse.org.

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Wissenstransfer

Wir geben unser Wissen gern weiter, z.B. in Vorträgen, Impulsen, Workshops, Trainings, Weiterbildungen zu Themen wie: Was brauchen Social Entrepreneure auf dem Land? Wie verwandelt man Leerstand in einen Ort aktiven bürgerschaftlichen Engagements?

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Begleitung & Coaching

Ob Organisations- oder/und Regionalentwicklung – wir begleiten euch dabei Lösungen für eure konkreten lokalen, regionalen Problemstellungen zu entwickeln.

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Werkstattprogramm

Neben maßgeschneiderten Prozessen bieten wir die Kulturhanse-Akademie, ein Werkstattprogramm in einem strukturierten, kollegialen Rahmen. Bereits in zwei Jahrgängen konnten wir uns vom Erfolg des Zusammenspiels zwischen Qualifizierung, Raum- und Laborentwicklung und Inspirationsreise überzeugen.

Gruppenfoto @Philipp Hort

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Unser Kulturhanse-Netzwerk bringen wir in Konferenzen, Camps und anderen Peerformaten zusammen. Im Austausch mit anderen Macher*innen, Stakeholdern und Entscheidungsträger*
innen lässt sich Inspiration und Mut für das eigene Vorhaben schöpfen.