KARREE49 Chemnitz



Wer zum ersten Mal das Gelände des Kühlhauses in Görlitz betritt, merkt schnell: Das hier ist kein Projekt, das sich geschniegelt präsentiert. Es ist ein Ort im Werden. Gebäude, Werkstätten, Veranstaltungsräume, Container, improvisierte Wege dazwischen – vieles hat sich über Jahre entwickelt. Und genau das macht den Reiz aus.
Als Nadine Binas vom AngerWERK beim jährlich stattfindenden Überlandfestival zum ersten Mal hier ankommt, denkt sie: „Wow. So sieht es also aus, wenn Leute einfach machen.“ Inzwischen ist das Gelände längst mehr als eine improvisierte Kulturbrache. Vieles ist professionell weiterentwickelt worden: ein überraschend gestalteter Außenbereich mit Bar und Sitzlandschaften im leicht hippiesken Siebzigerjahre-Stil, Coworking-Container, Werkstätten, Veranstaltungen, Festivals. Und Mikro-Ferienwohnungen aus einer Reihe alter Garagen.
Gleichzeitig hat sich das Kühlhaus seine Offenheit bewahrt. Nicht alles ist durchgeplant, nicht alles fertig. Räume entstehen, verändern sich, verschwinden wieder. Menschen probieren Dinge aus: kreative Projekte, kleine Unternehmen, neue Nutzungen. Auf dem Gelände arbeiten Handwerker:innen neben Kulturschaffenden, Veranstalter:innen neben Gründer:innen. Ein Ort, an dem Arbeit, Kultur und Alltag ineinander greifen.
Für das Labor Görlitz ist das Kühlhaus deshalb ein Vorbild. „Was wir hier bewundern, ist das organische Wachsen von Menschen und Ideen“, sagt das Team. „Der Ort entwickelt sich weiter, ohne seine Offenheit zu verlieren.“
Das Kühlhaus zeigt, wie das funktionieren kann: Menschen kommen, weil sie etwas ausprobieren wollen. Viele gehen auch wieder. Nur wenige bleiben. Aber genau daraus entsteht Verbindlichkeit. Die, die bleiben, tragen den Ort. Verantwortung wächst nicht durch Masse, sondern durch diejenigen, die sich wirklich einbringen.
Spannend ist auch die Geschichte hinter dem Gelände. Eigentümer ist ein Unternehmer aus den Niederlanden, der das Areal vor Jahren gekauft hat – und den jungen Leuten, die dort ursprünglich nur Partys veranstalten wollten, schlicht erlaubt hat weiterzumachen. Seitdem wächst das Projekt gemeinsam und Schritt für Schritt.
Heute überlegen die Beteiligten selbst: Wie kann Gemeinwohl bestehen bleiben, wenn Eigentum privat ist? Auch diese Fragen gehören zur Realität des Kühlhauses – und machen es vielleicht gerade deshalb zu einem interessanten Vorbild.
Hier wird Gemeinwohl nicht behauptet. Es wird ausprobiert. Tag für Tag.
Das Kühlhaus ist permanent auf dem Weg, ein gemeinwohlorientierter Ort zu werden – für Arbeiten, Wirtschaften und Leben zugleich.



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